Der „Sunnawerd”
Ein stadtbekannter Mensch im alten Herrieden: Georg Christ, von 1936 bis 1965 war er der „Sunnawerd”. Die „Sonne”, seit über 160 Jahren im Besitz der Familie Christ, war bis etwa 1911 auch die Posthalterei. Und von 1925 bis 1950 verstanden sich die Christs auch als Bäcker und Konditoren.
Wer in den 30er Jahren schon über ein Automobil verfügte und in der 'Sonne' einkehren wollte, hatte in der Vorderen Gasse noch die freie Parkplatzauswahl. Heutzutage geht es da schon etwas enger zu. Verändert hat sich auch der Straßenbelag. „Kulturbewußtere” würden sicher gerne die heutige Asphaltdecke wieder gegen die alten Pflastersteine tauschen, weil dies einer mittelalterlichen Stadt eben besser zu Gesicht steht. Zu Fronleichnam hatten es die Herrieder immer so gehalten, daß auf das Pflaster „Schilfschluddn” gestreut wurden und längs der Straße die Pappel- und Birkenäste „eingestochert” wurden. Ein schöner Brauch.
Als diese Kinder in die Schule kommen
Im September 1933, da können die Buben dieser Klasse noch nicht wissen, daß sie einen überaus ungünstigen Jahrgang erwischt haben. Wer jetzt sieben ist, wird 12 Jahre später eben 19 sein, und alt genug für die grausamsten Schlachtfelder dieser Zeit. Als die Aufnahme entsteht, hat die NSDAP gerade die Macht „ergriffen”. Bald schon brennt in Berlin der Reichstag. In vielen Städten brennen Bücher. In Dachau bauen sie das erste Konzentrationslager. Herrieden geht alles seinen gewohnten Gang. Gegenüber der Fronveste wird eifrig gedroschen.
Als zum Maibaum aufstellen noch eine militärische Aktion gehörte
1933 bekam Herrieden ein SA-Lager verpaßt, das in der ehemaligen Zigarrenfabrik eingerichtet wurde. Von da an gehörten für zwei Jahre Uniformen zum Stadtbild: Und SA-Stiefel und entsprechender Umgangston. Als SA-Stabschef Lutze nach Herrieden kam, war die Macht der SA bereits gebrochen. SA-Chef Röhm war bereits tot. Auf Hitlers Befehl hin waren die wichtigsten SA-Führer verhaftet und ermordet worden.
Als sich österreichische Infanterie bei uns vom Frankreichfeldzug erholte
Entspannung während des Krieges.
Urlaub in Herrieden: für die österreichischen Soldaten waren es die angenehmsten Monate während ihres Einsatzes im Zweiten Weltkrieg. Das kann man leicht behaupten, wenn man weiß, was diese Männer vor und nach ihrem Aufenthalt in Herrieden mitmachen mußten.
Erst waren sie am Frankreichfeldzug beteiligt. Da war der Krieg noch neu und alles ging glatt. Doch 1941, kurz nachdem diese Aufnahmen gemacht wurden, sollten sie einen anderen, einen schlimmeren Kriegsschauplatz kennenlernen: Rußland! Dort wird ihre Einheit aufgerieben. Die meisten Männer verlieren in Rußland ihr Leben.
So groß war Herrieden, als Deutschland die Welt erobern wollte
Herrieden in den 30er Jahren. In dieser Zeit muß in unserem Altmühlstädtchen wirklich noch jeder jeden gekannt haben. Einige Jahrzehnte wird Herrieden aus seinen Mauern herauswachsen und Siedlungen hinstellen, die größer sind als sein Stadtkern. Wir sind mit dem Flugzeug aufgestiegen – vielleicht mit einer dieser neuen Langsam-Maschinen, die 1937 neu herauskommen und als „Fieseler Storch” berühmt werden. Wir blicken hinunter auf Altmühl und Storchenturm.
Die Belegschaft der Heupresse und ein Soldat auf Heimaturlaub
Über die Geschichte der „Heupresse” ist viel spekuliert worden. Richtig ist, daß sie 1944 von einer Leuchtrakete getroffen wird und brennt. Das Flugzeug, von dem aus die Rakete abgefeurt wird, soll eine deutsche Maschine gewesen sein. Ob es sich auch um einen Herrieder Piloten handelt, der über seinem Heimatort einige Schleifen zieht und dabei die Signalrakete abfeuert, die das Heu in Brand setzt, ist ebenso Spekulation.Ebenso die Frage ob sie gezielt und in Spionageabsicht abgefeurt wurde. Zur „Heupresse” kommen die Bauern aus Herrieden und den umliegenden Ortschaften mit ihren Leiterwagen in diesen Kriegstagen, um Futter für die Kriegspferde abzuliefern, die „Militärdienst verrichten”.
Organisiert wird die Futterbeschaffung vom sogenannten „Reichsnährstand”. Der einzige Mann in Uniform auf diesem Foto ist der „Zahlmeister”.
Häufig trifft man im Herrieden des Jahres 1943 Soldaten der Wehrmacht auf Heimaturlaub. Und häufig stellt sich später heraus, daß dies ihr letzer Besuch war. Der junge Gebirgsjäger, der sich hier an der Schafscheune in seiner Geburtsstadt fotografieren läßt, ist einer von denen, die nie mehr heimkommen werden. 20 Jahre ist er alt, als er am Tag nach dieser Aufnahme erneut in den Krieg zieht. Lange werden die Angehörigen nichts von ihm hören. Er wird „vermißt”. 1955 sorgt das Rote Kreuz für Aufklärung: er ist in der Gefangenschaft in Jugoslawien gestorben.
Städter besuchen jetzt sehr gern ihre Verwandten
Tja, nicht nur die Kriegsjahre, auch die Nachkriegsjahre hatten es in sich. Deutschland ist jetzt geteilt in vier Besatzungszonen. Bis zur Währungsreform 1948 blüht der Schwarzhandel. Ein Begriff taucht auf und wird sehr häufig benutzt: Der „Schieber”. Doch lassen wir das. Das Leben in den ganz normalen und gut bürgerlichen Familien wird von materieller Not diktiert. Tauschgeschäfte sind die Regel. Die die Deutsche Mark ist noch nicht „hart” und noch nicht rund; es gibt sie erst ab dem 21.Juni 1948. Wer in der Stadt wohnt, der verlangt nach ganz elementaren Dingen des Lebens, zum Beispiel nach Schmalz.
Flüchtlinge kommen und bringen neues Brauchtum
Nach den Kriegswirren sind sie nach Herrieden gekommen. Keiner hat die Heimat freiwillig verlassen, weshalb sie auch das Wort „Flüchtling” nicht so gerne hörten, sie selbst haben sich immer als Vertriebene bezeichnet. Die Notunterkünfte, die sie bei uns fanden, waren alles andere als komfortabel. Doch für viele Menschen waren die Baracken wie die an der Bahnlinie in Herrieden ein neuer Anfang. Wenig später gab es in Herrieden neue Bräuche, die ursprünglich in ganz anderen Gegenden zu Hause waren.
Fotos: Max Brenner
