Ansicht von Herrieden,
Öl auf Leinwand von einem unbekannten Künstler
aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Gemälde im
Format 45,4 x 66 cm ist seit 1993 im Herrieder Rathaus zu sehen.
Die Stadt hat es bei einer Auktion in Wien erworben.
Manchmal, so scheint es, könnten
wir zurück in unsere Kindheit und sogar noch weiter zurück
in die Kindheit unserer Eltern und Großeltern. Als könnten
wir wirklich an einem x-beliebigen Tag des Jahres 1918 durch die
Vordere Gasse schlendern, hinüber zur Stiftskirche und auf
dem Weg unseren Vorfahren begegnen.
Vielleicht wäre unser erster
Eindruck, daß damals ja doch alles sehr viel langsamer und
vielleicht auch gemütlicher vonstatten ging. Bestimmt müßten
wir uns erst ein wenig an die Atmosphäre dieser Zeit gewöhnen.
Etwa an die Gerüche und Geräusche des alten Herriedens.
Und dann kommen wir vorbei an diesen Arbeitern, die zufällig
gerade „heute” den Marktplatz pflastern.
Und erst jetzt werden wir gewahr, daß nicht nur wir die Leute des Jahres 1918 wie Fremdlinge betrachten, daß auch die Pflasterer von damals ihre Arbeit kurz einstellten, um mit nicht wenig Verwunderung uns hinterherzublicken.
Die „Wirtschaft- und Viehhandlung” von Heinrich Raila war bei unseren Vorfahren mindestens aus zwei Gründen sehr beliebt: Hier wurde Jahr für Jahr und feucht-fröhlich das Anna-Fest gefeiert, meistens bis in den frühen Morgen. Außerdem verfügte die Wirtschaft über eine von insgesamt acht Herrieder Kegelbahnen. Und Kegelbahnen waren seinerzeit als Treffpunkte so populär wie Diskotheken für die heutige Jugend.
Einer der Treffpunkte Herriedener Kinder war der „Wäschbuck”, vom Torwirt herunter in Richtung Altmühl. Die Winter waren schneereich und ein Schlitten das schönste Geschenk, das man sich denken konnte. In der Schule gabs Hiebe mit dem Rohrstock. Gelernt wurde Schreiben und Lesen und Einmaleins. Man „genoß” eine „kaiserlich-nationale” Erziehung. Die deutschen Kolonien mußte jedes Kind herunterbeten können.
Auf den ersten Blick eine Respektsperson erster Güte: Michael Endres war in Personalunion Gerichtsoffiziant,Gerichtsvollzieher
und Gefängniswärter. Wer ihn kannte, kannte auch seinen
Hund „Berry”. Wer den beiden begegnete wird schneidig gegrüßt
haben.
Doch Michael Endres war ein herzensguter Mann, zuallererst auch
ein Familienmensch. Die Sonntagnachmittage liebte er besonders.
Da traf man ihn mit der ganzen Familie in einem der Herrieder
Gärten, etwa in der „Restauration” am Bahnhof, die einen
wunderschönen Biergarten besaß.
Seine Frau Elisabeth mußte immer fleißig mithelfen, vor allem, was die Versorgung im Gefängnis einsitzender Kleingauner betraf. Die konnten sich über alles beklagen, nur nicht über die Verpflegung. Wer was ausgefressen hatte – meistens waren dies Bettler und Zigeuner, Handwerksburschen und Kirchweihsäufer – bekam ein „Zimmer” im Amtsgerichtsgefängnis. Das Haus war im Winter stets besser belegt als im Sommer. Und überall bekannt als „Cafe Endres”.
„Gute alte Zeit”. Als in Herrieden noch ein prachtvolles Bahnhofsgebäude stand. Als die Lokführer noch so freundlich waren, wie das „Bockerla” langsam. Als man sich in der Bahnhofs–Restauration seine halbe Maß Bier noch gemütlich vor der Kegelbahn servieren ließ.
Sein Gasthaus, eine Schankwirtschaft
von alters her, hatte Max Limbacher 1910 vollständig neu aufgebaut.
Wie üblich, hatte er als „Reklame” originale Postkarten drucken
lassen. Das Bier bezog er aus der „Dampfbrauerei” Wehr. Es gab einen
„Extra-Tisch zum Karteln, reine Weine, reelle Bedienung”. Als diese
„Reklame” (als Teil einer Postkarte) erschien, hatte es in New York
gerade den „Schwarzen Freitag” gegeben, jenen Beginn der Weltwirtschaftskrise
mit weltweiter Rezession und Massenarbeitslosigkeit.
Wie Max Limbacher hat auch der alte Bergwirt Max Schneider gerne Werbung für sein Lokal betrieben. Die Ansbacher fanden immer wieder mal eine „Bergwirt”– Anzeige in ihrer Zeitung: „Martinsberg bei Herrieden – schönster Ausflugsort für Ansbach und Umgebung / Schattiger Garten mit neuem Gartensaal / Herrliche Aussicht über das untere Altmühltal”. Er warb für die gepflegten Biere der Brauerei Wehr, und für seine Schlachtschüssel. Als Hausspezialität serviert er seinen Gästen Sauerfleisch mit Kloß und Weck, einen in saurem Zwiebelsud gekochten Schweinenacken.
Ein Bild, wie man es jahrhundertelang an jedem
Tag in jedem fränkischen Ort beobachten konnte: Das Pferd wird
eingespannt, und eine Bauernfamilie macht sich auf zur Feldarbeit.
In den 20ern bekommt das Pferd auf einmal Konkurrenz von einem stählernen
Ungetüm, das über viel mehr Pferdestärken verfügt.
Es entfacht einen Höllenlärm, scheppert und knattert.
Einmal zum Einsatz gebracht, überzeugt es jedoch durch seine
immense Kraft und Ausdauer. Auch die Bauern aus Rös sind beeindruckt
von der Leistung dieses Traktors, der noch auf Eisenrädern
daherfährt und einem Kollegen aus Seebronn gehört.
Fotos: Max Brenner
